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DRITTE WAHL INTERVIEW (29.10.2017)

DRITTE WAHL „10“ Alben und kein bisschen leiser

Auf mittlerweile fast 30 Jahre und insgesamt 10 Alben haben es DRITTE WAHL gebracht. Dabei ist ihnen das Kunststück gelungen, keine einzige schlechte Platte zu veröffentlichen. Davon träumt manch andere Band. Ihr neuer, passend mit “10“ betitelter Longplayer ist wieder politischer und weniger „experimentell“ als sein Vorgänger und bietet genügend Stoff für ein paar Fragen, die mir Gunnar bereitwillig per E-Mail beantwortete. Viel Spaß beim Lesen!

Jetzt ist euer neues Album „10“ schon eine Weile draußen und die ersten Konzerte mit den neuen Songs sind gespielt. Wie ist das Feedback bisher?
Die Reaktionen sind sehr positiv. Die neuen Songs scheinen zu gefallen und sie funktionieren live auch schon sehr gut.

„10“ ist wieder deutlich politischer als sein Vorgänger. War es euch ein Bedürfnis, euch mehr zur aktuellen Lage zu äußern? Gibt es einfach zu viel, was schief läuft?
Nein, das ist einfach passiert. Wir haben uns nicht vorgenommen hier politischer zu sein, oder bei „Geblitzdingst“ die Politik zurück zu fahren. Wir hatten jetzt einfach die passenden Ideen.

Davon abgesehen gibt es weit weniger musikalische „Experimente“ als beim Vorgänger „Geblitzdingst“. Wie kam’s?

Das war ähnlich wie bei den Texten. Die Songideen waren anders und wir wollten nicht auf Krampf irgendwelche Experimente einbauen. Obwohl wir mit „Geblitzdingst“ sehr erfolgreich waren, wollten wir das nicht auf Teufel komm raus kopieren. So ist „10“ eine recht „normale“ Punk-Rock Platte geworden.

Die Vorabsingle „Scotty“ kommt schon ziemlich resigniert daher. Seht ihr die Welt wirklich so negativ oder gibt es noch Hoffnung für den blauen Planeten?

So ein Text ist ja oft eine Momentaufnahme, und klar, es gibt schon Momente an denen ich denke „Diese Welt ist nicht mehr zu retten“! Aber das sieht spätestens am nächsten Morgen auch wieder anders aus. „Scotty“ ist ja auch nicht wirklich ein Weltschmerzsong. Da ist ja auch etwas Augenzwinkern dabei.

Mit „Schade“ habt ihr einen eher untypischen Song auf der Platte. Diese Art von Humor verorte ich sonst eher bei WIZO. Wie seid ihr auf den Song gekommen?

Gute Frage! Wenn ich immer wüsste, wie ich auf diesen oder jenen Text gekommen bin, dann würde ich versuchen diese Momente noch einmal zu erzeugen. Bei mir ist es so, dass mir die Texte zufliegen wann sie wollen. Ich muss dann nur noch mitschreiben und hinterher entscheiden wir gemeinsam, ob das zu uns passt. Dabei haben wir uns selbst keinen sehr engen Rahmen gesetzt. Erlaubt ist, was gefällt!

Zu „Zum Licht empor“ habt ihr bereits das dritte Video zu „10“ gemacht. Ich für meinen Teil, fand alle sehr gelungen. Allerdings hab ich einige Stimmen vernommen, die den Song sowohl musikalisch als auch das Video mit RAMMSTEIN vergleichen. Was sagst du zu diesem Vergleich?

Wir haben uns bei dem Song schon absichtlich stilistisch an der „Neuen deutschen Härte“ orientiert. Das passte einfach sehr gut zu dem Text. Wir benutzen diese Ästhetik und halten ihr aber textlich den Spiegel vor.

Einer meiner absoluten Favoriten auf dem Album ist „Der Himmel über uns“ – super eingängig und prädestiniert für Tanzeinlagen auf euren Shows. Warum habt ihr diesen Gute-Laune Sommertrack nicht schon vor der heißen Jahreszeit rausgebracht? Wäre bestimmt eingeschlagen wie eine Bombe und vielleicht wäre es auch ein Radiohit geworden.

Wir wollten den Song nicht als erste Single nehmen, weil dann das Gerede über Pop und Kommerz sofort losgegangen wäre. Als politische Band bekommt man ja von vielen Seiten ein Korsett angelegt, aus dem man sich nicht heraus wagen darf. Da ist so ein „Gute-Laune Song“ für viele schon ein rotes Tuch. Leider war der Zeitplan dann so knapp, dass wir mit dem Lied erst Mitte August kamen.

In „25 Cent“ beschreibt ganz gut die traurige Situation in der einige Menschen unfreiwillig stecken. Das schlimme ist, dass es jeden von uns treffen kann. Hast du manchmal diese Existenzängste?

Ja, diese Augenblicke gibt es, aber zum Glück nicht all zu häufig. Der Song ist übrigens von Holger. Ich finde er hat da ein aktuelles Thema prima in einen super Titel verpackt.

„Wenn ihr wüsstet“ setzt sich gekonnt mit vermeintlichen Wahrheiten auseinander, die bevorzugt im anonymen Netz verbreitet werden. Wie begegnest du Menschen, die dir diese „Wahrheiten“ aufquatschen wollen?

Der zweite Song von Holger. Das Schlimme ist ja heutzutage, dass man mit Argumenten nicht mehr viel ausrichten kann. Ich werde trotzdem nicht müde, meinen eigenen Standpunkt zu vertreten, nur habe ich heute oft das Gefühl, dass ich gegen Wände rede.

Apropos Internet. Es gibt genügend Leute, auch in der Punkszene, die fast ihr gesamtes Leben auf Facebook und Co. posten. Wie stehst du dazu? Du bist dort ja auch aktiv, aber man findet kaum privates.

Ich halte mein Privatleben da weitestgehend raus. Das muss/kann jede/r für sich selbst entscheiden, was sie/er da teilt. Bei der Sammelflut von Facebook und Co. find ich zu viel Privates aber irgendwie gruselig.

Im Ox habe ich gelesen, dass du samt Familie ein halbes Jahr in Nordnorwegen gelebt hast. Auch ich liebe dieses Land und manchmal wünschte ich mir, dass ich mich dort hinbeamen und leben könnte. Steht Auswandern für euch zur Debatte? „Goodbye Deutschland mit einem Musikstar“ hätte doch was.

Es ist tatsächlich nicht ausgeschlossen, dass wir irgendwann ganz in den Norden gehen. Momentan steht das aber nicht zur Debatte. Es war aber ein sehr cooles halbes Jahr auf den Lofoten. Tolle Ecke, nette Menschen – einfach super. Sollte ich den Schritt aber irgendwann tatsächlich wagen, so würde ich das ohne viel Aufsehen und ohne die Öffentlichkeit machen.

Was können wir von den Norwegern lernen?

Die Norweger sind gar nicht so anders wie wir Deutschen. Etwas relaxter vielleicht (gerade was das Wetter betrifft!) und natürlich sehr sozial. Vom Schulwesen könnten wir in Deutschland sicher eine Menge lernen.

Doch zurück zu DRITTE WAHL. Vor ein paar Jahren habt ihr, neben den größeren Läden, auch noch in den kleinen Clubs gespielt. Die stehen jetzt allerdings nicht mehr auf dem Tourprogramm. Warum eigentlich? Ist das logistisch nicht mehr machbar? Wie sieht’s mit einer Clubtour zum 30. Geburtstag aus? Oder noch besser eine paar „Wohnzimmerkonzerte“.

Das Thema „Wohnzimmerkonzerte“ ist ja nun schon etwas abgearbeitet. Da werden wir sicher nicht die 10. oder 11. Auflage hinterher schieben. Insgesamt sind wir in den letzten Jahren so gewachsen, dass kleine Konzerte schwieriger geworden sind. Wir wollen aber auch wieder in unseren Lieblingsclubs spielen. Einen Termin für die „Club-Tour“ gibt es aber noch nicht.

Die letzten Jahre scheinen für deutschen Punkrock super zu laufen. Viele alte Hasen wie SLIME, WIZO oder auch TOXOPLASMA sind zurück aus ihrer Pause. Was meinst du, woran liegt das? Erfordern es die aktuellen Zeiten? Gibt es nicht genügend richtig guten Nachwuchs?

Die Alten haben noch oder wieder Bock zu rocken und sooo viele junge Bands kommen scheinbar nicht nach. Vielleicht ist deutscher Punkrock bei den Kids momentan auch nicht so angesagt!? Bands wie MISSSTAND oder ARSEN machen aber Mut, wie ich finde!

Ihr wart im Gegensatz zu den genannten Bands immer da. Gab es bei euch auch mal Überlegungen eine größere Pause zu machen oder gar sich aufzulösen?

Nein, darüber haben wir noch nicht ernsthaft nachgedacht. Wir haben noch Freude am Musizieren und wir fahren einfach gern miteinander quer durchs Land. Ich hoffe, dass wir noch lange weitermachen!

Abschließend muss ich dich natürlich noch nach deiner Einschätzung des Ergebnisses der Bundestagswahl fragen. Magst du die kurz kommentieren? Was denkst du, kommt jetzt auf uns zu?

Ich war ja durch die Prognosen und Hochrechnungen schon im Vorfeld ganz gut vorbereitet und so hat mich das Ergebnis nicht allzu sehr überrascht. Das heißt natürlich nicht, dass ich das nicht total schrecklich finde! Die „Neue Rechte“ (die ja gar nicht so neu ist) hat also ihre Plattform gefunden. Mich wundert spätestens seit der Trump-Wahl in den USA nichts mehr.

Ist die LINKE eigentlich eine Option für dich? Sie ist bekanntermaßen auch aus der PDS entstanden und zu der hattest du, wenn ich mich recht erinnere, ein gespaltenes Verhältnis.

Tja, warum man eine SED-Nachfolgepartei gründen musste habe ich nie verstanden. Ich weiß aber zum Beispiel auch nicht, was ich von einer Zeitschrift wie der Jungen Welt halten soll!? Namen sind ja nur Außenhüllen, aber trotzdem stehen sie ja draußen dran! In vielen politischen Punkten stimme ich aber mit den LINKEN überein.

Auch wenn ihr euch gerade auf das aktuelle Album konzentriert und wahrscheinlich mehr als genug um die Ohren habt, gibt es doch sicherlich schon Überlegungen, wie man das 30. Jubiläum nächstes Jahr feiert. Kannst du dazu schon was sagen?

Das haben wir tatsächlich noch nicht final entschieden. Wir werden sicherlich was machen, aber genaue Überlegungen gibt es noch nicht.
Vielen lieben Dank für das Interview.

East Side Daniel